IM AUSGANG  
     
  ST. LOUIS BEI NACHT  
     
 

Nun. Wenn ich so am Reisen bin, dann bin ich meist ein braves Kerlchen. Früh zu Bett, meist gegen acht aus den Federn. Und trotz des vielen Schlafes in der Nacht, kann es sein, dass auch noch eine Siesta in der Mittagshitze von Nöten ist. Und mit dem Bussli ist es noch schlimmer. Meist eher ausserhalb der Stadt stationiert oder sogar auf’m Lande, sind die Möglichkeiten, selbst wenn mich mal der Hafer sticht, gering. Oft bleibt da nur das gesellige Biertrinken mit einigermassen angenehmen Zeitgenossen. Die, so hofft man, mit jedem Bier noch sympathischer werden, was leider nicht immer der Fall ist.

Aber ab und an ergeben sich Möglichkeiten. Zumindest ein klitzekleines bisschen, so versuchshalber halt, wild zu tun. Und diese Abende sind immer wieder ganz lustig. So auch der Gestrige in St. Louis, der zweitgrössten Stadt Senegals. Unabhängigkeitstag. Senegals 48. Geburtstag. Da dachten wir (zwei Engländer, die mit ihren Motorrädern unterwegs nach Südafrika waren, bis das eine zu brennen begann. Dummerweise eben schon in Senegal... und meine Wenigkeit), dass gibt bestimmt ne riesen Fete. Gab es auch. Am vorherigen Abend. Was soll’s. Dann gibt’s halt nicht ne riesen Fete. Sondern nur eine Kleine. Das soll uns auch genügen.

Nun. Beginnen tut man so einen Abend natürlich am Nachmittag. Von unserem Campingplatz, der Zebrabar, haben wir uns vom Taxi in die Stadt chauffieren lassen, um dort eine, wie uns schien, nette Bar, aufzusuchen. Man setzt sich draussen hin, schlürft entspannt, mangels vernünftiger Alternativen und weil’s halt einfach gut ist, ein paar Bierchen (die senegalesische Marke heisst im Übrigen: Gazelle) im Bewusstsein, dass man mit T-Shirt, locker an den Hüften hängenden und vom wachsenden Bauch gehaltenen Hosen und Flip-Flops ausreichend eingekleidet ist (ausser man will Spätabends in eine Disco, die nur Einlass mit geschlossenen Schuhen gewährt... aber dies sei hier nur am Rande erwähnt). Nachdem der Abend eingeläutet ist, sollte man sich auf keinen Fall von der Geselligkeit hinreissen lassen. Auch wenn nette Gesprächspartner/Innen beim Erlernen diverser Fremdsprachen passive Unterstützung anbieten, weil sie selber keine Fremdsprachen sprechen oder nur solche, die einem selber dann doch zu fremd sind, darf auf keinen Fall vergessen werden, dass der Alkoholverträglichkeit ein gut genährter Magen zuträglich ist.

Also Essen: Immer wieder ein Erlebnis. Vor allem in Afrika. In Asien da gibt’s ja tausende leckere Sachen. Und die gibt es auch. In Afrika, zum Beispiel in St. Louis, da gibt’s laut Speisekarte auch tausend leckere Sachen. Leider sind die zurzeit gerade nicht verfügbar. Was, dank der Wärme und dem Bier halb so wild ist. Man hat Hunger und will was zu futtern, eigentlich ist es egal was, Hauptsache es nährt. Gestern zum Beispiel gab es keine Saucen. Essen gut, mit Sauce wäre es besser gewesen. Wieso es keine Saucen gab? Was ist die Antwort auf das Leben, das Universum und alles? 42. Eben. Nun gut, die Basis ist gelegt. Passend, dass auch gleich ein Flyer für ein Konzert auf dem Tisch lag.

Gut genährt, gut gelaunt und mittlerweile auch gut beschwippst machen wir uns also auf den Weg um das entsprechende Lokal ausfindig zu machen. Und entdecken es auch tatsächlich rasch. In einem netten Innenhof haben sich ein paar Musiker positioniert, mit einem Koraspieler als Hauptprotagonisten. Das Konzert ist dann ziemlich jazzig. Mag ich ja nicht so. Aber dafür, dass es eben jazzig ist, ist es eigentlich ganz ok. Das Gesicht ist mir nicht eingeschlafen und ein oder zweimal durfte ich feststellen, dass meine Füsse zum vermeintlichen Takt wippten. Die Stimmung: eher gesittet. Viele weisse Frauen mit ihren schwarzen Männern. Der Sextourismus blüht auch hier. Und er ist für einmal mehrheitlich weiblich. Eindeutig. So viele hässliche, fette, weisse Frauen mit so vielen gutaussehenden und vor allem gut gebauten schwarzen Männern an einem Ort... Emanzipation !?!... Meiner Wenigkeit, sowie meinen zwei uninteressant weissen Begleitern blieb demnach nicht viel anderes übrig, als den Koraklängen andächtig zu lauschen und weitere Biere in uns zu schütten. Was wir dann auch fleissig taten. Doch lohnenswert machen so ein Abend ja die Momente. Zum Beispiel die amüsierenden Momente, wenn sich so eine weisse Walze mit ihrem Boy auf der Tanzfläche... tut mir leid. Da fällt mir gerade kein passendes Wort ein. Tanzen ist es auf jeden Fall nicht. Er bemüht sich cool, ein bisschen ghettomässig, zu wirken und hat das nicht einmal so schlecht drauf, zumindest wenn man es selbst auch nur von MTV kennt. Wobei lächerlich ist’s trotzdem. Sie, nun sie, ich weiss halt nicht, ich glaube, sie bemüht sich sehr oder gar nicht mehr. Bewegt sich ein bisschen spastisch, unkontrolliert, aber bedeutunsschwanger. So eine Art afrikanischer Ausdruckstanz auf erbärmliche Art und Weise interpretierend gibt sie sich einfach dem Gefühl hin, dass sie endlich die Liebe ihres Lebens gefunden hat (oder zumindest mal wieder Sex), und blendet dabei wohlweislich aus, dass diese Liebe kostet und sich immer mal wieder in ihrem Namen täuscht. Item. Es gibt auch die erhabenen Momente. Wenn eine einheimische Göttin ihren Auftritt hat: Die Nase in luftiger Höhe, als ginge sie das Ganze irdische Gesocks nichts an, ein Gesicht, das dem Pöbel deutlich macht, dass er sie nichts angeht, und dem Pöbel trotzdem die Kinnlade runterklappen lässt und eine Figur, als ob es den lieben Gott wirklich gäbe und er beim Basteln dieses Körpers einen guten, einen sehr guten Tag hatte. Da stockt einem der Atem. Die Augen machen sich selbständig auf Wanderschaft. Rauf und runter. Mitten drin stehen geblieben. Wieder einen Augenblick auf der Nase verweilt. Der Geist bleibt für einige Zeit, nun sagen wir mal, eingeschränkt. Doch der Spuk ist schnell vorbei. Der Boden unter den Füssen wieder spürbar. Der etwas korpulente, ältere Herr mit der (eindeutig dicken) Brieftasche lässt jede Fantasie im Nu zu Staub zerrinnen. Und macht aus der Göttin auch schnell wieder eine geschäftstüchtige Gazelle. Doch es sind die stillen Momente, die solche Abende wirklich speziell machen. Stille Momente zum Beispiel auf dem stillen Örtchen. Wo man plötzlich alleine mit sich und seinem Zustand ist. Etwas verschwitzt, aber glücklich. Und plötzlich realisiert, dass man weit weg von zuhause ist und die Fremde heimisch wirkt. Und hackedicht kommt man erleichtert wieder zurück in die andere Wirklichkeit. Herrlich!

Das Aufwachen ist dann eine andere Geschichte, die vielleicht ein anderes Mal erzählt wird.

 

 

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