KANN ICH MITKOMMEN?  
     
  AB NACH EUROPA  
     
 

Man muss nicht lange in Afrika herumreisen und schon gar nicht mit einem Auto, dass offensichtlich noch Platz für Mitmenschen hat, um die Titelfrage gestellt zu bekommen. Ich hätte mein Auto locker überfüllen können. Und zwar auch wenn ich die Menschen nur unter der Bedingung mitgenommen hätte, dass sie sofort einsteigen und mit mir weiterfahren. Mit dem was sie tragen, ohne den Lieben Adieu zu sagen, ohne Sicherheit, dass sie auch dort ankommen, wo sie hin möch-ten.

 

Die Problematik der Wirtschaftsflüchtlinge ist, wie ich dem Internet ab und zu entnehme, in Europa auch in diesem Sommer wieder sehr aktuell. Die italieni-schen Auffanglager in Lampedusa seien überfüllt, die Menschen ertrinken zuhauf und die Verständnislosigkeit in Europa wächst proportional zu den Flüchtlingen. Wenn man solche Artikel zum Beispiel in irgendeinem Internetkaffee von Dakar liest und ergänzend dazu die Mittel der Politik (links und rechts) was dagegen gemacht werden kann, dann weiss man nicht so genau, ob man lachen oder wei-nen soll. Eigentlich ist’s zum weinen. Da ja ernst gemeint. Andererseits ist es auch wahnsinnig gute Satire. Weil so wirklich ernst gemeint, kann das ja wohl nicht sein, was da verzapft wird. Nun gut.

Beispiel M. aus S. Hat eine anständige Arbeit. Geregelten Lohn. Muss für das Geld nicht einmal allzu viel tun (ich hatte längere Zeit die Möglichkeit ihn bei seinen „Anstrengungen“ zu beobachten). Hat 7 Kinder und ca. 15 Personen teilen sich die 2 Zimmer Wohnung. Wohlgemerkt, wir reden hier nicht von Armut nach se-negalesischem Standard. Und schon gar nicht von Armut nach afrikanischem Standard! Sein Ziel: Europa. Nicht so bedingungslos wie andere, da auch die Not nicht so gross: aber Europa! Er will auch so eine Villa für seine Familie bauen, wie es verschiedene Ausgewanderte (oder eben Geflüchtete, je nach Standpunkt) tun oder getan haben. Europa. Wenn man die Bedeutungsschwere Europas in Afrika mit derjenigen Afrikas in Europa vergleicht, so lässt sich ein gewisses Ungleich-gewicht nicht leugnen. Und sei es nur beim Fussball. Das Eröffnungsspiel der Euro, das unsere liebe Nati so jämmerlich verlor... Ich sitze in Labé einem Ort im Fouta Djalon Gebirge in der Republik Guinea. Und hinter mir diskutieren sie, also die Einheimischen, wo Behrami nächste Saison spielt, dass Frei ein ganz ordentli-cher Stürmer sei und als sich der Köbi Kuhn mal aufregt, lachen sie und es schalt „Kobi“ durch den Raum. Kennt jemand von euch einen afrikanischen Spieler (ausgenommen: Essien, Drogba und E’to. Und falls gerade einer bei eurer Lieb-lingsmannschaft spielt...)? Im Fussball endet nur was in der Schule beginnt (oder umgekehrt). Während bei uns Afrika höchstens in Bezug auf die Kolonialpolitik Europas, den Sklavenhandel und wer Glück hat auch bezüglich Entwicklungszu-sammenarbeit im historischen (kaum jedoch im wirtschaftlichen) Kontext eine Rolle spielt. Und dabei im besten Fall zwischen britischer, französischer und vielleicht auch US-amerikanischer Einflusssphäre unterschieden wird, ist Europa in Afrikas Schulen ein grosses Thema. Natürlich nicht für die Mehrheit der Kinder. Da die Mehrheit ja immer noch meist nicht oder zu wenig lange in die Schule geht, um auch noch Europa behandelt zu bekommen (weil zuerst lernt man ja le-sen, schreiben und rechnen. Und wer schon mal auf dem Markt eingekauft hat, merkt, dass da Europa vermutlich noch nicht dran war, als betreffende/r Verkäu-fer/In die Schule verliess/verlassen musste.) Während die grösseren europäischen Länder und insbesondere die Ex-Kolonialmacht im afrikanischen Unterricht eine eigenständige Vergangenheit hat, hat weder Afrika als Kontinent, noch das entsprechende Land im eigenen Schulunterricht eine Vergangenheit, die über die Kolonialzeit hinausreicht oder zumindest keine, die über krude Legendenbildung à la Willhelm Tell herausführt. So herrscht auf der einen Seite ein Unwissen über den südlichen Nachbarkontinenten, der die diffusen Ängste vor dem sprichwörtlichen schwarzen Mann noch nährt. Auf der anderen Seite wird eine Art Paradies geschaffen, in dem alles was erstrebenswert ist, zu sein scheint und wo Träume wahr werden. Dabei wird auf der einen Seite, die eigene Bedeutung bestätigt, während sie auf der anderen Seite stetig verkleinert wird. Dazu tragen dann auch noch die afrikanischen Politiker ihren Teil bei. Denn auch bei Betrachtung ihrer Statements beziehungsweise Taten weiss man nicht so genau, ob man lachen oder weinen sol. Kennt ihr die Schildbürgerstreiche. Tja. Die Menschen hier könnten euch Stunden lang davon erzählen. Und da sie keine Chance sehen, ihre Situation in ihrer Heimat zu verbessern, egal wie sehr sie sich dafür einsetzen, wollen sie eben ins gelobte Land.

Und so haben wir ein Problem, dass offenbar keiner lösen will. Die einen weil sie sonst nicht mehr gewählt würden, die anderen weil sie sonst nicht mehr so viel Kohle scheffeln könnten. Und dann kommen noch zwei Kleinigkeiten dazu. Wir wollen unseren Wohlstand retten und sind darauf angewiesen, dass rechtlose Menschen die Drecksarbeit erledigen. Und M aus S. würde eine Unterbindung bezahlt bekommen, will aber lieber weiter Kinder produzieren und möglichst schnell nach Europa, damit er dann für alle eine schöne grosse Villa bauen kann.

 

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