MOBY IN RABAT

 
     
  UND ER IST NICHT VEGANER!  
     
 

Hier in Rabat ist Ungewöhnliches vorgefallen. Da aber das Ungewöhnliche schon in der Überschrift bekannt gegeben wird (damit ihr den Text auch lest...) schreibe ich auch noch ein bisschen was drum rum passiert ist.

 

Mittagessen in der Nähe des Marktes (der Morgen lassen wir aussen vor. Hier in Rabat ist vor 10 Uhr eh nicht viel los und bei mir auch nicht). Einfach und unkompliziert. Absitzen, bestellen und fünf Minuten später: essen. Noch ein bisschen mit den Nachbartischen quatschen. WC-Besuch: Zielvorrichtung auf Loch im Boden justieren, Geruchsorgane auf Stufe reduzierte Wahrnehmung einstellen, Augen zu, vielleicht noch ein bisschen pfeifen und schon sprudelt’s. Zahlen, gehen. Gegessen: Tajine avec Viande (das lässt der Fantasie natürlich freien Lauf) mit Salat, Pommes Frites (liebe Marokkanerinnen und Marokkaner. Es muss nicht immer Pommes Frites dazu geben. Im Sandwich haben die zum Beispiel nichts verloren...) und Brot. Nachmittags: Café-Tour. Durch die Gassen flanieren, die Sonnenbrille auf der Nase, cool, weltmännisch (oder zumindest was ich dafür halte) das passende Café suchen. Passendes Café, das heisst: Stühle so ausgerichtet, dass man eine möglichst belebte Strasse gut überblicken kann. Bevorzugt wenig motorisierter Verkehr. Und wenn es zum Kaffee noch ein wenig Gepäck gibt umso besser. Dann setzen, den Herrn Goldt zur Lektüre hervorkramen (denn niemand eignet sich so hervorragend für die Strassencafélektüre) und Café schlürfen. Latte Macchiato (Yep, das Weicheiergetränk. Und nur harte Männer können dazu stehen, vor allem solche, die gerade eine coole Sonnenbrille tragen und weltmännisch in die Welt blicken). Mit Schaum, den die Marokkaner ignoranterweise auf den Unterteller (kann mir da vielleicht mal jemand helfen: Wie bezeichnet man den Teller unter der Kaffee- oder meinetwegen auch Teetasse korrekt... dann würde ich auch mal wieder was lernen) schmeissen, anstatt ihn genüsslich zu schlürfen. Und dabei kann man wunderbar all den Menschen zu schauen, die an einem vorbei schlendern, spazieren, kaum einmal hetzen. Männer, die sich begrüssen und küssen. Frauen, von verschleiert bis Kaffeeszeneziemlich offenherzig (wohlgemerkt: für marokkanische Verhältnisse. Ein Arschgeweih sieht man auf der Strasse, auch wenn es welche gäbe, nicht), die sich auch begrüssen, aber nicht küssen (die kleinen Unterschiede in unserer grossen Welt). Und dabei fühlt Mann sich immer unter seinesgleichen, weil in jedem Café praktisch ausschliesslich Männer sitzen. Und die tun eigentlich das gleiche. Und so kann man gut einen Nachmittag verbringen. Vor allem wenn die Temperaturen entsprechend angenehm sind. Und statt Kaffee kann man zur Abwechslung auch mal einen Tee nehmen. Bier leider nicht. Wäre ja all zu schön.

Am Abend dann: Nouvelle Ville. Eines der Lokale, wo die Angestellten sich vornehmer benehmen als die Gäste. Und dies, trotz (oder vielleicht auch wegen) des lächerlichen, pseudo-authentischen Outfits. Nur Ausländer. Sprich: Touristenfalle. Aber auch die können Spass machen. Ein frustrierter Entwicklungshelfer, der auch noch während dem Essen telefonieren muss und der immer wieder den Anschein macht als ob er mit der Verzweiflung einen harten Kampf führt. Drei junge Männer, die, wie ich später erfahre, im Ölgeschäft tätig sind. Zwei Asiaten und ein Europäer. Wobei der eine Asiat so laut schmatzt, dass man im ganzen Restaurant hört wie sehr es ihm schmeckt. Ein seriöses Ehepaar, das gaaaanz entspannt eine kleine Flasche Rotwein trinkt und kurz nach meinem Eintreffen einen Abgang macht, was ich aber, glaub ich, nicht persönlich nehmen muss. Ich: diesmal Poulet-Tajine (mit Aprikosen und Sesam). Zur Vorspeise: Pastilla (unbedingt bei Gelegenheit probieren. Sehr gut. Aber ich mag jetzt nicht erklären was genau das ist, denn wir nähern uns doch langsam dem Ende). Wieder lecker. Wieder Pommes Frites... leider. Und jetzt kommt’s: Moby, der berühmte Musiker, dessen eine CD, deren Namen mir gerade entfallen ist, (oder hiess die CD tatsächlich auch Moby...?) jeder in meinem Bekanntenkreis sein Eigen nennen darf, sitzt, schlecht rasiert, einen Tisch weiter vorn, direkt in meinem Blickfeld. Für die, die ihn nicht kennen: Ein kleiner, dünner, glatzköpfiger Prinzipienreiter (Veganer(?), Umwelt, Menschenrechte usw. usf.), der gelegentlich gute Musik macht(e). Nicht schlecht, oder! Da hätte ich aufspringen können, zu ihm hin rennen, Autogramm verlangen, von irgendeinem DJ oder sonst wie Musikerkollegen erzählen können, und dass ich ihn und sein Engagement für unsere Welt (wir haben ja nur eine blablabla...) bewundere und weiteren Schleim absondern. Aber nein. Ihr kennt euren Kofi. Der bleibt in solchen Situationen sitzen. Ich bleib äusserlich cool. Auch wenn ich innerlich durchs Restaurant schreie: Ey Jungs und Mädels. Da sitzt Moby!! Und was sehen meine Augen, während ich so zerrissen dasitze: Moby flirtet mit seinem Gegenüber (Bartträger. Also keine Zweifel...) aufs heftigste und widmet sich dabei immer wieder den fleischlichen Gelüste (vorerst essenstechnisch, natürlich). Tja. Moby ist schwul (oder Bi) und sicher nicht Veganer!! So kann’s einem ergehen wenn man sich in Rabat was leisten will. Da sieht man Sachen, die hätte man fünf Minuten zuvor für nicht möglich gehalten.

Und hätte ich dann dort nicht meine Visa-Karte vergessen, dann wäre das, mit einer Flasche grässlichem, marokkanischem Rotwein, begossene abenteuerliche Abendessen eine richtig gelungene Veranstaltung gewesen. So musste ich am nächsten Abend halt nochmals dorthin. Und da wurde mir dann mit einer schon fast ironisch anmutenden Ernsthaftigkeit versichert, dass dieses Lokal ein seriöses Lokal sei, wo nichts gestohlen würde (auch nicht vom Personal), wo jemandes vergessene Fototasche samt Inhalt, sogar schon übers Wochenende sicher verwahrt wurde, und man der Versuchung standhielt hinein zu greifen. Da bleibt mir nicht mehr viel übrig, als aufzustehen, mich zu bedanken und zu applaudieren: Friedlich und sicher wäre das Leben auf unsere Mutter Erde wären alle so ehrlich, wie die Angestellten dieses Restaurant.

Nachtrag: Da ich in letzter Zeit einiges an verschieden Orten vergessen habe: Die (marokkanische) Welt ist so ehrlich. Ich habe alles wieder bekommen. Und zum Teil haben sie es auch übers Wochenende aufbewahrt. Halleluja!

 

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