SCHIMPFE DEN TAG NICHT VOR DEM ABEND  
     
  "WUNDER" GESCHEHEN  
     
 

Das kennt ihr sicher auch. Der Wecker klingelt und noch bevor man die Augen so richtig aufbekommen hat, das Hirn noch hin und her gerissen zwischen Traum- und Wachwelt, beschleicht einen das Gefühl, dass dieser Tag, ein richtig beschissener Tag wird. Wieso auch immer. Einfach so.

Nun. Heute war bei mir so ein Tag. Als ich schlussendlich wach war, stellte ich fest, dass es draussen regnet und jemand einen Hammer in mein hübsches Haupt geschmuggelt hat, der nun unablässig seiner Bestimmung folgt. Nun gut. Aufgestanden, Tee gekocht, kurzes Frühstück (es hat mittlerweile aufgehört zu regnen), duschen (Warmwasser und Druck auf der (Wasser-) Leitung. Was für ein Luxus. Half aber nur kurzfristig), Zelt einpacken im wieder beginnenden Regen, den restlichen Plunder eilig ins Auto geschmissen, da der Regen heftiger wurde und losgefahren. Von Fès nach Meknès und dann Richtung Süden. Ziel: El Ksiba. Am Fusse des Atlas Gebirges. Der Regen wurde heftiger. Und der Hammer hämmerte freudig weiter. Und meine Laune entsprechend... Eigentlich wäre die Fahrt herrlich, stellte ich durch den doppelt trüben Schleier fest. Grüne Felder, immer mal wieder leicht gewölbte Landschaften. Zum Teil ging’s schon recht in die Höh und man durfte vermuten, dass die Aussicht wohl phänomenal wäre. Als ich dann in El Ksiba ankam, begann die Dämmerung einzusetzen. Die Auberge, in der ich nächtigen wollte fand ich glücklicherweise rasch. Die Tore waren zwar zu, aber da liess ich mich nicht von irritieren. Ein paar Mal kräftig auf die Hupe gedrückt und, aus dem Auto gehüpft wäre jetzt gelogen, aber mit mehr Elan ausgestiegen, als zu erwarten war. Und da sagte mir eine Stimme, die aus einem kleinen, vergitterten Fenster heraus zu mir sprach, dass die Auberge keine Auberge mehr ist, sondern ein Motel. Und dass das Motel voll ist. Ups. Alternativen? Nicht wirklich. Weiterfahren ins Atlas Gebirge? Könnte eine verdammt kalte Nacht werden, da schon El Ksiba nicht mehr weit unter der 1000 Meter über Meer - Marke ist. Also umdrehen und wild campieren. Mit Brummschädel in der Dunkelheit in hügeligem Gelände einen geeigneten Platz zu suchen, dann im Regen das Zelt aufzustellen und was zu futtern mache. Na ja. Ein gemütlicher Abend sieht in meinen Vorstellungen anders aus. Gut. Bier ist noch vorhanden. Brot auch. Käse und Schoggi sowieso. Kann auch im Auto essen und schlafen... Blöd nur, dass der Abgang heute morgen so schnell vor sich ging. Ich verfluchter Chaot. Wird wohl gar nicht so einfach neben meinem Ramsch noch ein Plätzchen zu finden. Und ich hab mir noch gedacht, dass ich mich in El Ksiba bekochen lasse... hahaha. Doch. Es gibt noch Wunder. Eine knappe Stunde nachdem ich jammernd, maulend, unzufrieden mit Gott und der Welt, Schicksalsgebeutelt (ich könnte noch weiterfahren, aber zu viel Selbstmitleid steht einem Möchtegern-Abenteurer eben nicht zu) mit meiner Suche nach einem geeigneten Plätzchen begonnen hatte, sass ich, frohen Mutes in der Mitte der männlichen Nachkommenschaft der Familie Boughadi und wartete hungrig auf das Abendessen. Der Beweis, dass man sich auf Gedanken, die man im Halbschlaf hat, und die einem den ganzen Tag begleiten, nicht verlassen kann. Dass irren menschlich ist. Dass ein Tag, auch wenn es schon dunkel wird, gerettet werden kann. Der Beweis, dass man den Tag nicht vor dem Abend schimpfen soll. Der Beweis dafür, dass auch... ach lassen wir das jetzt besser, sonst wird’s dann noch esoterisch. Das Wunder war ein junger Mann, den ich nach einem geeigneten Übernachtungsplatz fragte. Neben dem dankbar angenommen Angebot, auf seinem Grundstück zu parken und zu nächtigen, wurde ich auch gleich zum Essen eingeladen. Nebenbei erwähnt. Ein Frühstück und ein Mittagessen gesellten sich am folgenden Tag dazu... Das Ganze notabene ohne erwartete Gegenleistung (ausser natürlich meiner, nicht zu verachtenden Anwesenheit und Konversationsstärke). Tja. Da sag ich einfach: Glück braucht der Kofi. Auch dieses Abenteuer verlief günstig. Ich war Gast bei der Familie Boughadi, einer netten, aber keineswegs schrecklichen Familie.

 

 

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